06/22 | Hartz IV – Ein Erfahrungsbericht.

Lebensmittel | Getränke

Wie hoch ist die Grundsicherung?

449 Euro. 

Die Grundsicherung wird anhand eines Warenkorbes (Mischindex) berechnet. Der Mischindex besteht zu 70 Prozent aus der Entwicklung der Verbraucherpreise (Inflation) und zu 30 Prozent aus der Nettolohnentwicklung. Der Index wird jährlich berechnet. Die Berechnung erfolgt an Hand der statistisch erfassten Daten von rund 60.000 Haushalten. Die Höhe des Regelsatzes orientiert sich an den Haushaltsausgaben der unteren 20 Prozent dieser Stichprobe. Haushalte, die Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe beziehen, werden ausgenommen.

Lebensmittel und Getränke

155,82 Euro. 

(5,20 Euro pro Tag.)

Technische Daten.

Abteilung 01 | Lebensmittel & alkoholfreie Getränke

Los gehts.

Essen und alkoholfreie Getränke für 2 Personen.

312 Euro / 31 Tage

31.06.2022 - Vorbereitungen und Lebensmitteleinkauf

Bis heute haben wir sämtliche Lebensmittel, die bereits geöffnet waren, aufgebraucht. Alles was wir nicht aufbrauchen konnten wie Mehl, Salz, Gewürze usw. haben wir beiseite gepackt. – Wir wollen bei Null anfangen. Vor unserem ersten Einkauf haben wir uns eine grobe Liste (der aus unserer Sicht notwendigen Dinge) gemacht. Um einen strukturierten Essensplans haben wir uns ehrlicherweise keine Gedanken gemacht. Wir starten planlos. Zum Frühstück Müsli, Mittags Stulle, Abends wird gekocht.
 
– So der rudimentäre Schlachtplan.

Unser erster Einkauf.

75,64 EURO.

Für unseren Einkauf bei Lidl und Penny haben wir 60,24 Euro ausgegeben. Hinzu kommt noch Kaffee für 15,40 Euro. Wir haben uns vorgenommen sowohl auf Fertigprodukte, TK-Ware sowie hochverarbeitete Lebensmittel weitgehend zu verzichten. Darüber hinaus wollen wir auch unserer Überzeugung und Linie treu bleiben, und so gut es geht auf nachhaltige und biologische Lebensmittel setzen.

Beim Einkaufen haben wir nicht auf Angebote geachtet. Allerdings haben wir versucht, stets das jeweils günstigste Produkt zu kaufen. In den Fällen, in denen wir hiervon abgewichen sind, haben wir die jeweilige Preisdifferenz zum günstigeren Produkt festgehalten. Damit wollen wir herausfinden, welche Einsparungen theoretisch (noch) möglich gewesen wären. Ein Beispiel dafür sind die von uns gekauften Haferflocken. In der Bio-Variante haben wir für eine Packung 0,95 Euro (500g) bezahlt. Es hätte jedoch auch eine deutlich günstigere Variante zu 0,69 Euro (500g) gegeben. Mögliche Ersparnis hier: 0,52 Euro.

Bei der Durchsicht unserer Kassenbons ist uns aufgefallen, dass zwei Produkte nicht dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent unterliegen und damit auch nicht zum sogenannten „Grundbedarf“ zählen. Haferdrink und Mango-Maracuja-Saft.

– Gruß an die Hafermilchfreunde.

…noch 236 Euro (75 Prozent).

1. Woche

01.06.2022

Wir komplettieren unsere Vorräte. Hinzu kommen eine Süßkartoffel, Senf, eine weitere Butter, die wir bereits zu Ghee verarbeitet haben sowie Käse für 6,42 Euro. Zusammen also 23,02 Euro.

…noch 213 Euro (68 Prozent).

03.06.2022

Heute gibts Gemüse-Quiche. Dafür nehmen wir Eier, die wir von Nadines Eltern erhalten haben. Um die Eier in unserem Budget zu berücksichtigen, veranschlagen wir 4 Euro für 16 Eier. Also 0,25 Euro/Stück.

Mit den heutigen Einkäufen ist bereits mehr als ein Drittel unseres Budget aufgebraucht. Wenn heute der 10. des Monats wäre, würden wir uns keine Sorgen machen. Es ist aber erst der dritte Tag. Es bleibt spannend.

…noch 203 Euro (65 Prozent).

04.06.2022

Heute haben wir im großen Stil Brühe und Tomatensoße gekocht, die uns als Grundlage für Pasta, Lasagne oder beispielsweise Chilli con Carne dienen soll.

…noch 193 Euro (62 Prozent).

07.06.2022

…noch 184 Euro (59 Prozent).

Zwischenstand.

Es sieht nicht gut aus.

08.06.2022

Restbetrag: 176,36 Euro (noch 57 Prozent)

09.06.2022

Bei der Durchsicht unserer Kassenzettel ist uns aufgefallen, dass Lidl uns am 07.06.2022 für den gekauften Käse versehentlich statt 2,79 Euro 3,49 Euro berechnet hat. Wir haben das heute reklamiert und problemlos unsere zuviel gezahlten 0,70 Euro zurückerhalten. – Jeder Cent zählt.

Restbetrag: 173,10 Euro
(noch 56 Prozent)

10.06.2022

Nach dem heutigen Einkauf dürften wir theoretisch bis zum 18.06.2020 nichts mehr einkaufen. Wir liegen aktuell deutlich hinter dem Plan. Erschreckend, wie schnell uns das Geld zwischen den Händen zerrinnt.

Heute gibts gefüllte Champignons.

Restbetrag: 130,50 Euro
(noch 42 Prozent)

13.06.2022

Heute gibts Ofengemüse.

Restbetrag: 126,75 Euro
(noch 41 Prozent)

14.06.2022

Heute gibts selbstgemachte Pizza.

Restbetrag: 122,05 Euro
(noch 39 Prozent)

Zwischenstand.

2. Woche | Stabil schlecht.

16.06.2022

Restbetrag: 117,04 Euro (noch 38 Prozent)

18.06.2022

Durch unsere Pfandpiraterie am Straßenrand konnten wir nicht nur etwas für die Umwelt, sondern auch für unseren Geldbeutel tun. Wir schreiben uns 0,50 Cent für zwei herrenlose PET-Flaschen gut.

Restbetrag: 108,00 Euro (noch 35 Prozent)

19.06.2022

Uns ist der Kaffee ausgegangen. Bevor die Stimmung kippt, beißen wir die Zähne zusammen und buchen uns weitere 15,40 Euro aus.

Restbetrag: 92,60 Euro (noch 30 Prozent)

20.06.2022

Wir haben heute wieder frische Bio-Eier sowie eine Gurke aus Brandenburg erhalten. Dafür ziehen wir uns 3,79 Euro ab. Durch Pfandpiraterie konnte wir zudem 25 Cent bei unserem Einkauf sparen.

Restbetrag: 76,08 Euro (noch 24 Prozent)

21.06.2022

Zwischenstand.

3. Woche | Commitment.

22.06.2022

Restbetrag: 65,34 Euro (noch 21 Prozent)

23.06.2022

Heute gibts gefüllte Zucchini mit Salat und Brot. Wider Erwarten sind wir heute noch nicht Pleite. Nadine hat Recht behalten, gut geplant, und ich muss etwas an meinem Optimismus arbeiten. Wir haben uns zu Beginn unserer Challenge natürlich ein paar Gedanken gemacht, wie lange wir wohl durchhalten, bis uns das Geld ausgeht. – Totgesagte leben länger!

Restbetrag: 37,15 Euro (noch 12 Prozent)

25.06.2022

Wir waren heute im Freibad und haben uns für 5 Euro zwei Eis gekauft. Das macht sich finanziell sofort bemerkbar. An der eigenen Eis-Herstellung mit Joghurt und Beeren sind wir kläglich gescheitert. Irgendetwas Gefrorenes haben wir zwar zustande bekommen, eine Freude ist es aber nicht. Es ist mehr so ein kalter Joghurtstein mit Beeren herausgekommen.

 

Restbetrag: 18,01 Euro (noch 6 Prozent)

27.06.2022

Uns geht das Geld aus. Nach dem heutigen Einkauf stehen uns noch knapp 10 Euro zur Verfügung. Wir haben bereits grob überschlagen, was wir bis Donnerstag, d.h. bis zum Monatsende noch an Lebensmitteln benötigen.

Schon jetzt lässt sich feststellen, dass der SGB-II Regelsatz angepasst werden muss. Viele Berichte unter dem Hashtag #IchBinvonArmutbetroffen können wir nachvollziehen und aus eigener Erfahrung heraus bestätigen.

Sich einen, vielleicht zwei oder drei Monate auf 155,82 Euro im Monat zu beschränken mag vielleicht möglich sein. Sobald jedoch eine ungeplante Ausgabe hinzu kommt, sieht die Situation sofort anders aus. Selbst Kleinigkeiten bringen einen in existenzielle Not. Besonders nachdenklich stimmt uns, dass frisches Obst und Gemüse schnell zum Luxus werden können. Wir haben uns diesen Monat ausschließlich von Äpfeln, Bananen sowie einer Packung Datteln ernährt. Eine kleine Schachtel Blaubeeren aus dem Angebot im Discounter waren unser persönliches Highlight. Erdbeeren, Kirschen oder eine Melone sind ehrlicherweise fast unerreichbar.

Nicht zu vergessen: Wir führen unseren Selbsttest im Monat Juni durch. In vielen Regionen Deutschlands und Europas ist gerade Erntezeit. Das heißt, Obst und Gemüse stehen grundsätzlich in großen Mengen und damit günstig zur Verfügung. Inwieweit die aktuellen Lebensmittelpreise auch auf andere Jahreszeiten übertragbar sind, bleibt fraglich. – Günstiger wird es vermutlich nicht.        

Restbetrag: 9,58 Euro (noch 3 Prozent)

28.06.2022

Was sollen wir sagen… Die 2,72 Euro sprechen für sich.

Restbetrag: 2,72 Euro (noch 1 Prozent)

Endstand.

4. Woche

Grand Finale.

30.06.2022

Heute ist der letzte Tag unserer Hartz IV-Challenge. Mit 17 Cent und einer Piccolo-Flasche Sekt, die wir uns vom Mund abgespart haben, retten wir uns über die Ziellinie. Einen wirklichen Grund zum Feiern haben wir nicht. Während wir morgen wieder in unseren gewohnten Alltag übergehen können, beginnt für über 5 Millionen Regelleistungsberechtigte (Stand Juni 2022) nur der nächste Monat mit weitgehendem Verzicht.

Restbetrag: 0,17 Euro (noch 0 Prozent)

Was vom Monat übrig blieb.

01.07.2022

Wir haben noch einmal alls auf den Tisch gepackt, was von unserem Monat übrig geblieben ist. Ein paar Gewürze bzw. Kräuter haben wir auch noch (nicht auf dem Bild). Drei Mahlzeiten hätten wir aus unseren restlichen Beständen sicher noch zubereiten können. Beispielsweise Nudeln mit Pesto, Kartoffeln mit Möhren/Erbsen und eine Reissuppe.

Fazit

Wir fordern.

Der Regelsatz muss dringend angepasst werden. Nach einem Monat können wir sagen, für den Bereich Lebensmittel ist eine Erhöhung um mindestens 25 Euro vernünftig und angezeigt. Die anderen Teilbereiche des Regelsatzes können wir natürlich nicht beurteilen. Eine abwechslungsreiche Ernährung, die nicht jeden Morgen nur aus Haferflocken mit Äpfeln und ein paar Nüssen besteht, darf kein Luxus sein. Wenn bereits ein Eis im Freibad Sorgen bereitet, eine Melone, eine Packung Erdbeeren oder ein paar Kirschen jenseits des Erreichbaren sind, dann haben wir als Gesellschaft zu lange weggesehen. Es ist auch eine Frage des Respekts und des menschlichen Umgangs miteinander.

Oft hatten wir beim Einkaufen schon ein schlechtes Gewissen, bevor wir mit unserem Einkaufswagen überhaupt an der Kasse standen.

Können wir uns das leisten?
Muss das wirklich sein?

Solche Fragen waren unsere ständigen Begleiter. Ohne Plan und Einkaufsliste hätten wir den Monat wahrscheinlich deutlich schlechter abgeschlossen. Und ganz ehrlich: Wir sind froh, dass der Monat nun vorbei ist. Neben vielen Eindrücken und Erfahrungen haben wir auch eine große Portion Demut aus dem Monat mitgenommen. Wer behauptet, es sei doch alles nicht so schlimm, hat vermutlich noch nie vom Regelsatz leben müssen.

Respekt.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Elke Thomas

    Spannend. Jedoch nur ein kleinster Ausschnitt einer millionenfachen Realität. Das wahre Leben ist schlimmer.

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